Objektivtests


Wieso ist die Wahl des richtigen Objektivs so wichtig?


Die Objektive werden immer perfekter. Die ARRI Signature Primes zum Beispiel haben kaum noch Makel: Kaum wahrnehmbare Lens Flares, Verzerrungen oder Vignettierungen. Ideal für moderne digitale Filmkameras und perfekt für VFX in der Postproduktion.


Vorbei sind die Zeiten, in denen ein einfacher Bleach Bypass im Labor einen Look definiert hat. Colorgrading dominiert heutzutage den Filmlook und die Möglichkeiten sind beinahe unendlich. Da heute immer mehr Entscheidungen in der Postproduktion fallen, nimmt der Einfluss des DPs auf die Bildgestaltung stetig ab.




Stills aus "Framed" gedreht mit ARRI Signature Primes auf der Venice 2 in 8K. Links: Original. Rechts: Ergänzt mit Lens Flare und Face Retouch in der Postproduktion.





Im Colorgrading werden Vignetten eingefügt, die Haut der Schauspieler weichgezeichnet und Lens Flares gesetzt. Dank den perfekten Objektiven ist es einfach, einen Look auf das makellose Bild zu legen. Es ist jedoch fast unmöglich, den Look einer alten Linse aus einem Bild zu entfernen. Deshalb nutzen viele DPs vermehrt Retro-Objektive, um dem Bild ihre eigene Handschrift zu verleihen.

Die Drehorte, das Set-Design, die Ausstattung, das Kostüm, die Maske und das Licht können zwar einen viel größeren Einfluss auf den Look haben als das Objektiv. Dennoch ist es unsere Wahl und sollte deshalb wohl überlegt sein.



Der Start

Die Wahl der Objektivreihe kann viele Gründe haben. Es ist auch nicht verwerflich, das neueste Equipment nutzen zu wollen und einem Trend zu folgen. Solange sich die Objektive für die Geschichte eignen, sehe ich kein Problem darin. Gerade für Werbespots empfehle ich sogar, Neues aus-zuprobieren.


Wichtig ist, dass wir den gewünschten Look bereits im Kopf haben. Wenn man zum Beispiel weiß, dass man mit wenig Tiefenschärfe arbeiten will und deshalb Vollformat (FF) und mit offener Blende drehen wird, kommen viele Objektive gar nicht erst in Frage.


In unserem Test haben wir nur sphärische Vollformate, Super 35mm Festbrennweiten sowie Zoom Objektive verglichen. Wer sich für Anamorphoten interessiert, empfehle ich diese Seite von Sharegrid: The Ultimate Anamorphic Lens Test

Ich werde hier nicht die ganzen Resultate auflisten. Zum einen, weil ich sonst anstelle eines Blogeintrags ein Buch heraus-bringen müsste und zum andern, weil es wichtiger ist zu verstehen, worum es bei Objektivtests geht und die Tests selbst durchzuführen, als zu denken, dass man was im Internet lesen kann und dann Bescheid weiß. Es wäre auch absurd zu glauben, dass die komprimierten Aufnahmen, die man online sehen kann, mit den XOCN-XT Aufnahmen der Venice in 6K gleichzustellen sind. Trotzdem habe ich ein paar sehr interessante Beispiele herausgepickt, die auch online einen guten Einblick verleihen.



Die Brennweiten

Die Entscheidung, welche Brennweiten ich brauche, fällt nach intensiven Besprechungen mit der Regie. Wenn spezielle Brennweiten nur an einzelnen Tagen zum Einsatz kommen, dann miete ich sie nicht für den gesamten Drehzeitraum. Es geht dabei nicht darum, der Produktion Geld zu sparen, sondern das Geld richtig zu investieren. Das Budget hat leider immer einen großen Einfluss auf den Filmlook. Wir haben es in der Hand, diesen Einfluss so gering wie nur möglich zu halten.


Wie findet man die richtige Brennweite?


Die Einstellungsgröße sollte nicht die Brennweite bestimmen. Auch wenn man sich leicht dazu verleiten lassen kann, alle Close Up mit einer 75mm und alle Totalen mit einer 18mm zu drehen. Die Entscheidung, welche Brennweite verwendet wird, bestimmt den Look des Films stark und geht weit über die reine Optik hinaus.


Bei keiner Objektivreihe stehen einem alle Brennweiten zur Verfügung. Wie man in dieser Tabelle unschwer erkennen kann. Zusätzlich können einzelne Brennweiten selten sein, wie die Zeiss HS MK3 65mm und stehen nicht bei jedem Verleiher zur Verfügung.



Wenn Brennweiten fehlen, gilt es herauszufinden, ob Dioptrien verwendet werden können oder mit welchen Objektiven sich die bereits gefällte Wahl kombinieren lässt. Was am Ende zusammen passt, findet man nur mit Tests heraus.


Eine durchgehende Brennweiten-Abdeckung bekommt man logischerweise nur mit Zoom Objektiven. Hier stellt sich aber genauso die Frage, ob der Bereich ausreicht. Das 1971 erschienene Cooke Varotal, mit dem der Film “Stalker” von Andrei Tarkowski gedreht wurde, war das allererste Cooke Zoom Objektiv und deckte bereits die Brennweiten zwischen 20mm bis 100mm ab. Die neusten Cooke Varotal/iFF Objektive decken insgesamt den Bereich von 30mm bis 215mm ab. In Kombination mit einem Vollformat Sensor auch im Weitwinkel einen deutlich größeren Bereich als das alte Cooke Zoom. Man muss aber bedenken, dass man bei einem Vollformat Sensor weniger Tiefenschärfe im Vergleich zum Super 35mm Sensor hat.



Tiefenschärfe

Die Tiefenschärfe wird durch die Brennweite, die Empfindlichkeit (Blende), die Entfernung zwischen Objekt und Objektiv aber auch durch den Zerstreuungskreis, den Nodalpunkt und die Position der Eintrittspupille der Linse bestimmt.


Grundsätzlich gilt: je größer der belichtete Sensor, je höher die Brennweite, je näher der fokussierte Bereich und je offener die Blende eingestellt ist, desto weniger Tiefenschärfe hat man.


Beispiel:

Eine Super-8mm-Filmkamera hat grundsätzlich mehr Tiefenschärfe als eine Super-35mm-Kamera. Ein 18mm- hat grundsätzlich mehr Tiefenschärfe als ein 75mm-Objektiv. Ein Bild, das auf 4 Meter Distanz fokussiert wird, hat grundsätzlich mehr Tiefenschärfe als eines, das auf 30cm fokussiert wird und eine Blende 11 verursacht mehr Tiefenschärfe als eine Blende 2.


Die Qualität der Schärfe und Unschärfe sowie die des Fall-Offs / Roll-Offs sind bei allen Objektiven verschieden. Während ältere Linsen tendenziell weicher sind, also weniger scharf wirken, sind neue Linsen meist schärfer und können für eine höhere Auflösung genutzt werden. Trotzdem sollte man gerade die Schärfe Wirkung selbst testen. Denn diese kann man bei komprimierten Videos aus dem Internet nicht beurteilen. Man weiß nicht, ob die Schärfe richtig getroffen wurde und ob nicht noch in der Post nachgeschärft oder weichgezeichnet wurde. So verhält es sich auch bei Vignetten, die gerne im Colorgrading eingesetzt werden, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer in die Bildmitte zu lenken.



Vignettierung

Objektive, die vignettieren und das Bild verzerren sind ein Problem oder zumindest ein beachtlich höherer Aufwand bei VFX und CGI Ergänzungen in der Postproduktion. Sie sollten deshalb bei Drehs, die stark auf Visual Effects ausgelegt sind, gemieden werden. Wie bereits erwähnt, ist man hier besser beraten, so clean wie nur möglich zu drehen und die Charakteristik des Bildes später in der Postproduktion hinzuzufügen.


Grundsätzlich vignettieren langbrennweitige Objektive weniger als solche mit kurzer Brennweite. Das zeigt folgendes Beispiel deutlich:



Nur die unteren drei Objektiv-Reihen sind FF Objektive und belichten den kompletten Vollformat-Sensor der Venice. Es lässt sich gut erkennen, dass die Canon Sumire von den acht Objektiv-Reihen die feinsten Vignettierungen aufweist.


Die Objektivhersteller erwähnen immer, dass die Objektiv-Reihen perfekt aufeinander abgestimmt sind. Dass dies nicht immer der Fall ist, sieht man im folgenden Test: Die Sony 50mm sticht von der Farbe etwas heraus und die Tokina-Objektive-Reihe scheint mit längerer Brennweite auch mehr Magenta-Anteil aufzuweisen.


Dasselbe zeigt sich auch beim Test mit dem Zeiss High-Speed-50mm-Objektiv:



Wir haben die Objektive in derselben Lichtsituation getestet und die Werte des Weitwinkel-Objektivs als Referenz verwendet. Somit sollten über die Brennweiten hinaus grundsätzlich keine merklichen Unterschiede vorhanden sein. Dennoch sind sie, wie man beim erhöhten Blau-Wert des 50mm-Zeiss-HS-Objektiv gut erkennen kann, vorhanden. Diese Unterschiede können verschiedene Gründe haben und sind nicht dafür geeignet, eine grundsätzliche Aussage über Objektiv Marke zu machen. Es betrifft nur das von uns getesteten Objektive und kann bei einem anderen Objektiv derselben Marke wiederum ganz anders aussehen.


Statt einen falschen Schluss aus unserem Resultat zu ziehen, sollten wir uns vor allem merken, dass diese Verfärbung vorhanden sein können und wir sie im Voraus am besten über eine Colorchart testen.


Farben

Gerade wenn man verschiedene Objektiv-Reihen miteinander kombiniert, ist die Aufnahme einer Colorchart unabdingbar. Hier sollten die Aufnahmen vor Drehstart ins Colorgrading, um 3D LUTs für die einzelnen Objektive herzustellen und dann in der Postproduktion ebenfalls ins Colorgrading gelangen.


Hier ein paar Beispiele zum Vergleich:




Genauso wie man bei Lampen (vor allem LEDs) darauf aufpassen muss, wie diese die Farben wiedergeben, muss man das auch bei Objektiven tun.


Jede Linse innerhalb eines Objektivs ist beschichtet und diese Schicht verändert die Farben, obwohl sie nur einen Nanometer ( 0,000001 Millimeter) dick ist. Da Zoom-Objektive mehr Linsen aufweisen als Festbrennweiten, sind die Unterschiede hier besonders deutlich. Grundsätzlich sind moderne, teure Objektive so hergestellt, dass das sogenannte Coating kaum mehr einen Einfluss auf die Farben hat. Wenn man aber auf günstige Linsen setzt, kann man davon ausgehen, dass hier auch gespart wurde.


Das Coating ist wichtig, weil Glas 4% des Lichtes reflektiert. Das Coating kann diesen Wert unter ein Prozent bringen, was wiederum hilft, Flares zu verhindern und ein reines, besseres Bild aufzunehmen.



Lens Flares

Lens Flares sind eines der deutlichsten Unterscheidungsmerkmale eines Objektivs: Keines gleicht dem anderen, fast schon wie ein Fingerabdruck. Während sie früher als Makel angesehen und um jeden Preis vermieden wurden, werden sie heute gezielt und kreativ eingesetzt. Selbst in völlig computergenerierten Bildern und animierten Filmen greift man gerne auf Flares zurück. Die Flares entstehen durch das von den einzelnen Linsen-Elementen hin und her reflektierte Licht, das am Ende auf den Sensor fällt. Sie sind bei harten Lichtquellen am deutlichsten sichtbar. Hier ein paar Beispiele aus unserem Test:



In den Lensflares sieht man deutlich, dass jeder Hersteller seine Linsen mit einer anderen Kombination aus Silikonen und Metallen (manchmal auch seltener Erden) beschichtet. Neben den unterschiedlichen Farben durch das Coating haben die Größe, Form und Anzahl Linsenelemente auch einen Einfluss auf den Flare-Look. Zusätzlich verändern die Irisblende, der Winkel und die Intensität, mit der die Lichtquelle ins Objektiv scheint, das Lens-Flare-Verhalten eines Objektivs.



Wenn man also nicht gerade wie Ozu Yasujirō ganze Filme mit nur einem Objektiv dreht, wird der Look eines Films unweigerlich mit jedem Objektiv weniger klar definiert. Wie man an den oberen beiden Beispielen unschwer erkennen kann, haben sowohl die Zeiss Compact Primes, wie auch die Zeiss Standard-Objektive untereinander zwar einen ähnlichen Stil, unterscheiden sich aber trotzdem deutlich voneinander.


Sind einem konstante Flares über mehrere Brennweiten wichtig, greift man besser zum Zoom-Objektive:



Bei Zoom-Linsen wird die sogenannte Ghost Line (die Linie, bestehend aus einzelnen, meist kreisförmigen Artefakten), deutlich sichtbar. Je nach Einstellung der Brennweite verändert sich aber auch das Flare eines Zoom-Objektivs.


Dinge, die man bei einem Test nicht antreffen sollte:


Neben den einzelnen Linsen bringt direkt einfallendes Licht auch andere Dinge zum Vorschein. Zum Beispiel Staub auf und zwischen den Linsen. Letzteres kann leider nicht so einfach entfernt werden und ist gerade bei älteren Objektiven oft anzutreffen.

Auch Kratzer, die sonst nicht merklich das Bild verändern, kann man in Lens Flares gut erkennen, wie hier bei dem alten Cooke-Varotal-Zoom. Grundsätzlich würde ich keine Objektive mit Kratzern auf der Linse verwenden. Bei einem 50 Jahre alten Zoom ist es aber verständlich, dass eine Reparatur nicht mehr so einfach möglich oder dann unglaublich kostspielig ist. Und so nimmt man den Makel ausnahmsweise in Kauf.



Problematisch sind jedoch die folgenden Beispiele:

Hier sieht man Öl, das sich auf einem Linsenelement ausbreitet. Es hat sich vom Fett gelöst, mit dem die mechanischen Teile wie die Irisblende eingefettet sind. Dieses Bild ist kein Foto einer Linsenoberfläche, sondern eine echte Filmaufnahme der Venice, die bei diesem Objektiv entstanden ist. Dass wir diesen Ölfilm überhaupt so deutlich auf der Aufnahme sehen können, zeigt, dass mit dem Objektiv noch was anderes nicht stimmen kann.


Hier ist ein weiteres Bild desselben Objektivs: Das einfallende Licht trifft hier auf die Innenseite der Irisblende und macht diese sichtbar. Das wäre ebenfalls nicht möglich, würde hier nicht ein Problem mit den Linsen Elementen vorliegen.





Auch wenn ich diese Bilder unglaublich schön finde, eignet sich ein solches Objektiv nicht für die Dreharbeiten und muss vom Verleiher repariert werden, was nach unserem Test auch sofort geschehen ist. Die Linsen haben ein neues Gehäuse und Leben bekommen.


Ein weiteres Problem, dem man begegnen kann, ist ein Pilz auf dem Objektiv. Das passiert, wenn man länger in feuchten Umgebungen dreht. Hier muss schnell gehandelt werden, denn mit der Zeit greift dieser Pilz das Coating an und macht das Objektiv unbrauchbar.





Jetzt sind wir etwas vom Thema abgekommen, denn grundsätzlich sollte man solchen Dingen bei einem Objektivtest nicht begegnen. Es kann aber nicht schaden zu wissen, dass solche Probleme existieren. Die Tatsache, dass viele DPs vor mir anscheinend nicht darauf aufmerksam wurden, zeigt mir, dass wohl zu wenig darüber gesprochen wird.



Bokeh

Ein Element, das man selbst in Online-Videos gut beurteilen kann, ist die Form des Bokeh. Das Aussehen eines Bokeh wird durch die Form und Anzahl der Irisblenden-Lamellen sowie der Blendeneinstellung definiert. Der Bokeh-Kreis wird gegen den Rand des Objektivs gestaucht, wie man in dem aus unserem Test entnommenen Vergleich sehen kann. Dabei ist jeweils das erste der drei Bokeh aus der linken unteren Bildecke (16:9 Bildformat), das zweite Bokeh aus der Mitte der linken Bildkante und das dritte aus dem Bildzentrum. Alle drei Bokeh haben dieselbe Lichtquelle. Sie wurde während der Aufnahme nicht verändert. Die Kamera wurde stattdessen geschwenkt, um die drei unterschiedlichen Positionen zu erhalten. Die Unterschiede in der Intensität innerhalb der drei Bokeh entstehen also durch die Linsen und nicht durch die Lichtquelle.



In diesen Beispielen sieht man gut, wie unterschiedlich die Bokeh sein können. Sobald die Blende geschlossen wird, kann man auch die Anzahl und Form der Lamellen erkennen. Das sehr charakteristische Bokeh eines Zeiss Standard-Objektivs erkennt man erst, wenn die Blende geschlossen wird. Mit offener Blende gleicht das Bokeh eher dem eines Canon Sumire-Objektivs.



Wenn man also Bokeh im eigenen Look gezielt einsetzen will, bedeutet das auch, seine Blende für den Dreh zu definieren. Das hat dann wiederum Einfluss auf die Tiefenschärfe und viele andere Faktoren. Das Testen gibt einem somit auch die Möglichkeit, sich an einen Look genauer heranzutasten.



Den Fokus nicht verlieren

Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man fast nicht mehr aufhören kann mit Testen und Vergleichen. Das ist der Moment, an dem man sich die Kamera und seine bevorzugten Objektive schnappen und das Studio verlassen sollte. Ein richtiges Gefühl für die Objektive bekommt man schließlich nur auf dem Filmset und dafür sind wir jetzt vorbereitet.



Wem dieser Blogeintrag noch nicht genug war, kann hier einen detaillierten Vergleichstest der Sony CineAlta Primes und der Cooke s4/i lesen, den ich vor ein paar Jahren gemacht habe.